Lebensbegleitendes Lernen
In seinem Artikel "Frühe Förderung und lebensbegleitendes Lernen aus neuropsychologischer Sicht" zeigt Prof. Willi Stadelmann die Verbindung zwischen dem Aufbau und der Arbeitsweise des Gehirns und der Lernfähigkeit des Menschen auf. Er geht dabei auf die folgenden Fragen ein.
- Wie beeinflussen die Vorgänge im Gehirn das Lernen?
- Fliegen überdurchschnittlich und hoch begabten Kindern die Lernstrategien und das Wissen einfach so zu?
- Fazit: Welche Konsequenzen müssen gezogen werden?
Man kann einen Menschen nicht lehren,
man kann ihm nur helfen,
es in sich selbst zu tun.
Galileo Galilei
Die Informationen wurden dem Artikel "Frühe Förderung und lebensbegleitendes Lernen aus neuropsychologischer Sicht" (2004) von Prof. Willi Stadelmann entnommen.
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Wie beeinflussen die Vorgänge im Gehirn das Lernen?
Einleitung
Nach einer allgemeinen Betrachtung zum lebensbegleitenden Lernen werden Erkenntnisse aus der Neuropsychologie zum Thema Lernen vorgestellt, diskutiert und anhand von Beispielen (Sprachenlernen, Lernen eines Musikinstruments, Einfluss der sozialen Herkunft) illustriert. Hat frühe Förderung der Kinder einen Einfluss auf ihre Fähigkeit, ein Leben lang zu lernen? Bildet frühe Förderung gar eine Voraussetzung für lebensbegleitendes Lernen?
Einige ausgewählte Beiträge der Neuropsychologie zum Thema "Lernen"
Wichtigste Erkenntnisse zum Thema Lernen werden im Folgenden in fünf Punkten zusammengefasst.
- Das Gehirn verändert sich beim Lernen physisch: Jeder Mensch hat seine eigene Lernbiografie.
Lernen verändert unser Gehirn ein Leben lang; durch Lernprozesse findet eine lebenslange Hirnentwicklung statt. Jeder Lernprozess schafft Grundlagen für neue, weiterführende Lernprozesse. Nicht nur Wissen wird gelernt, sondern es entstehen gleichzeitig neue Potenziale und "Strategiemöglichkeiten" für weiterführendes Lernen. Durch Lernen entsteht zunehmend Individualität. Die Plastizität des Gehirns ist im frühen Kindesalter ausserordentlich ausgeprägt und deshalb durch frühe Förderung der Kinder intensiv stimulierbar. - Vielseitige Tätigkeiten fördern die Hirnentwicklung, ein Leben lang. Die aktive Auseinandersetzung mit der Welt entwickelt unser Gehirn weiter.
Eigenverantwortliche, selbstgesteuerte, bewusst gewollte, emotionsbegleitete Tätigkeiten, nicht passives, unbeteiligtes, emotionsloses Hinnehmen, führen bevorzugt zur physischen Veränderung des Gehirns und damit zum nachhaltigen Lernen. - Das Gehirn ist das am stärksten vernetzte System, das wir kennen; kein anderes natürliches oder künstliches Netzwerk weist einen derartigen Vernetzungsgrad auf. Das Gehirn ist auf Vernetzung angewiesen und lebt von ihr.
Lernen bedeutet vernetzen, verbinden, einbauen in das bisherige Netzwerk, aufbauen auf dem bisherigen Netzwerk. Wir können davon ausgehen, dass Lernprozesse, welche die Vernetzung fördern und die Fähigkeiten des Gehirns zu vernetzen ausnützen, erfolgreicher sind. Deshalb sind Lehr- und Lernmethoden, die verschiedene Eingangskanäle der Wahrnehmung ansprechen, vielseitige Fähigkeiten, Fertigkeiten und Tätigkeiten anregen und so das Gehirn vielseitig beanspruchen, zu bevorzugen. - Wissen wird nicht als Ganzes abgelegt.
Wissen wird im Gehirn nicht als "Ganzes", sozusagen in fest umrissenen Schubladen abgelegt. Wissen wird sehr verstreut im Gehirn gespeichert. Bevorzugt werden individuell besonders beeindruckende "Eckwerte" des Wissens abgelegt und zwar je nach Qualität an verschiedenen Orten des Gehirns. Farbeindrücke an anderen Stellen als Eindrücke über Form oder Materialbeschaffenheit oder als Gerüche oder Töne. Beim Erinnern setzt das Gehirn das Gelernte aus den abgelegten "Eckwerten" wieder neu zusammen. Reproduzieren heisst interpretieren. Alles was wir reproduzieren, wird im Lichte unserer Lernbiografie neu zusammengesetzt, also interpretiert. Somit sind Erinnerungen nicht identisch mit dem ursprünglichen "Lerngegenstand". Wissen im Massstab 1:1 an Schülerinnen und Schüler zu übergeben, ist nicht möglich; immer sorgt jedes individuelle Gehirn für eine eigene Interpretation. - Emotionen spielen bei Lernprozessen eine wichtige Rolle.
Individuell als bedeutsam, wichtig, emotionell prägend empfundene Ereignisse werden schneller und besser gespeichert. Emotionen und Lernprozesse gehören eng zusammen; Emotionale Fähigkeiten sind Teil der Intelligenz. Auch Emotionen müssen gelernt werden. Emotionelle Tätigkeiten verändern das Gehirn im Rahmen der Plastizität. Frühe emotionelle Förderung der Kinder ist unabdingbar.
Fliegen überdurchschnittlich und hoch begabten Kindern die Lernstrategien und das Wissen einfach so zu?
Soziale Herkunft, Leistungsfähigkeit und Bildungschancen
In der Folge von PISA wurden ergänzende Tests und Auswertungen zur Frage der Herkunft der Kinder und ihrer schulischen Leistungsfähigkeit durchgeführt. Die Resultate bestätigen frühere Untersuchungen und sind von den Erkenntnissen der Neuropsychologie her gesehen verständlich und stimmen mit ihnen überein. Der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft der Kinder und ihrer schulischen Leistungsfähigkeit ist frappant. Sämtliche Analysen der PISA-Daten betonen die grosse Bedeutung der sozialen Herkunft bzw. der Bildungsnähe des Elternhauses für fachliche Leistungen der Kinder. Die Idee der vergleichbaren Qualität der in der Volksschule vermittelten Bildung erweist sich als Mythos. "Ohne Zweifel beeinflussen die individuellen Lernvoraussetzungen und die Lebensumstände das Ergebnis des Lehr-Lern-Prozesses weit mehr, als dass die Defizite einzig über pädagogische Massnahmen und didaktisch perfekt organisierten Unterricht kompensiert werden können." [Moser, 2001] Er plädiert dafür, dass Bildungspolitik durch Sozialpolitik ergänzt werden muss.
Offenbar besteht auch ein Zusammenhang zwischen familiären (unter "Familie" werden dabei auch die prägenden Bezugspersonen der Kinder verstanden) Einflüssen auf kleine Kinder und ihrer Gewaltbereitschaft im späteren Leben. So sind folgende gewaltfördernde familiäre Einflüsse auf Kinder bekannt:
- Konflikthäufigkeit zwischen den Eltern (bzw. Bezugspersonen)
- Uneinigkeit der Eltern / Bezugspersonen bezüglich Erziehung (keine klare Linie)
- wenig Kontrolle und viel Inkonsistenz bei Disziplinierungen der Kinder
- wenig emotionelle Nähe und wenig Unterstützung
Je schlechter Kinder das "Familienklima" erleben, desto eher akzeptieren sie in ihrem Leben Gewalt als Mittel. Je häufiger Kinder vor dem zwölften Altersjahr "elterliche" Gewalt erlebten, desto häufiger ist Gewalt für sie ein legitimes Mittel der Selbstdurchsetzung [Usculan et al., 2003]. Dies deckt sich mit Erfahrungen, dass Kinder folgende Bedürfnisse an ein gutes Aufwachsen haben:
- Liebe, Geborgenheit, Sicherheit
- neue Erfahrungen
- Lob, Anerkennung, Zugehörigkeit
- Verantwortung und Selbständigkeit
Das "Familienklima" prägt also im Rahmen der starken Plastizität ihres Gehirns das Verhalten der Kinder nachhaltig. Kinder eignen sich Wissen, Verhalten, Strategien und Potenziale an, lange bevor sie in Bildungsinstitutionen eintreten, und zwar in der Qualität ihrer Umgebung ("Familie"). Gerade für Kinder aus "bildungsfernem Milieu" wäre eine frühe Förderung, eine frühere Einschulung verbunden mit einer Verbesserung ihrer Bildungschancen.
Fazit: Welche Konsequenzen müssen gezogen werden?
- Frühe Förderung der Kinder entspricht der hohen Plastizität ihrer Gehirne und damit ihrer hohen und nachhaltigen Lernfähigkeit
- Frühe Förderung der Kinder steht im Zentrum auch im Hinblick auf lebensbegleitendes (lebenslanges) Lernen. Durch frühe Förderung wird die Fähigkeit zum lebenslangen Lernen erst richtig ermöglicht und optimiert; die Erarbeitung von Lernstrategien in der Kindheit schafft Potenziale für das lebensbegleitende Lernen.
- Bildungspolitik muss intensiv mit Sozial- und Familienpolitik verbunden werden. Nur im Zusammenspiel zwischen "Familie" und Bildungsinstitutionen ist die frühe Förderung unserer Kinder möglich.
- Kinder müssen in Bildungsinstitutionen früh möglichst individuell, in Berücksichtigung ihrer individuellen Lernbiografie gefördert werden.
Bei der frühen Förderung stehen vor allem folgende Gebiete im Vordergrund:
- Sprachen
- Musik / Instrumentalunterricht
- Gestalten
- Sport/ Bewegung (Schulung von Motorik und Feinmotorik)
- Soziales Verhalten / Emotionalität
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